Soziale Verbundenheit: Warum wir uns selbst erst im „Wir“ finden
Oder: Was nächtliches Scrollen mir über mentale Gesundheit, weibliche Autonomie und die Kunst, sich in Beziehungen nicht zu verlieren, beigebracht hat.
Ich scrolle. Nur kurz, sage ich mir. Gehirn aus, Algorithmus an.
Erstes Reel: Zwei Typen in einer Trash-TV-Villa. Sonnenbrillen im Innenraum, Testosteron in Überdosis.
Der eine sagt zum anderen: „Alter, du stellst dich an wie ein Mädchen…“
Ich bleibe hängen. Nicht, weil der Satz neu wäre – sondern weil er so alt ist, dass er sich schon wieder modern gibt.
Wie stellt sich ein Mädchen eigentlich an? Und wobei überhaupt? Beim Atmen? Beim Fühlen? Beim Existieren?

Ich scrolle weiter.
Zweites Reel: Ein selbsternannter Dating-Coach mit Haargel-Abo erklärt Männern, wie sie Frauen „psychologisch so führen“, dass diese sich „wieder gerne unterordnen“.
Ich würge. Nicht, weil mich Misogynie überrascht – sondern, weil sie sich mittlerweile in 4K-Auflösung und Business-Casual verkauft.
Er sagt, Feministinnen seien „Beziehungszerstörerinnen“ und „Männerhasserinnen“. Und natürlich, dass die Gesellschaft unaufhaltsam in den Abgrund rauscht, wenn das so weitergeht.
Ich denke: Nein, mein Lieber. Wir zerstören keine Beziehungen. Wir zerstören Illusionen.
Dann schlucke ich meinen Ekel herunter – denn sind wir ehrlich: Ich liege im Bett und habe gerade die Zähne geputzt.
Kotzen wäre jetzt wirklich kontraproduktiv.
Weiter. Drittes Reel.
Eine Frau mit makelloser Haltung, Bauch eingezogen, Blick in die Kamera – eine wandelnde Pinterest-Motivation – sagt: „Es kann sein, dass ihr mich jetzt hasst, aber ich finde, dass nur schlanke Frauen einen Mann verdienen. Bitch, ich bin diszipliniert und strenge mich jeden Tag an, gut auszusehen. Wieso also solltest du einen Mann abbekommen, wenn du dich gehen lässt?“
Ich starre auf den Bildschirm.
Nicht schockiert, eher gelangweilt-erleuchtet – dieser spezielle Zustand, wenn Sexismus mal wieder Rebranding betrieben hat.
Früher kamen solche Sätze von Männern in schlecht sitzenden Anzügen.
Heute aus perfekt sitzenden Leggings.
Und das schmeckt irgendwie doppelt bitter.
Na gut, zumindest ist das Patriarchat lernfähig – es hat jetzt Influencerinnen.
Dass die Frage, ob meine gut gepolsterten Oberschenkel Liebe verdienen, jetzt als Dauermieter in meinem Kopf wohnt, akzeptiere ich in Sekundenschnelle – bevor ein anderer Gedanke langsam Gestalt annimmt.
Kein großes „Aha“. Eher ein genervtes „Na toll“.
Vielleicht ist Selbstfindung für Frauen deshalb so erschöpfend, weil wir uns nicht NUR mit unseren inneren Glaubenssätzen rumschlagen, sondern mit einem ganzen System, das sie uns täglich per Algorithmus nachliefert.
Wir sollen uns selbst finden – aber bitte innerhalb der Nutzungsbedingungen des Patriarchats.
Ich scrolle nicht weiter.
Denn ich verstehe jetzt:
Männer dürfen sich selbst finden, ohne den Kontext mitzudenken.
Frauen müssen sich selbst finden, trotz des Kontextes.
Trotz der Kommentare. Trotz der Erwartungen. Trotz der jahrtausendelangen Dressur zur Nettigkeit.
Selbstfindung für Frauen bedeutet eben nicht, an einem Yoga-Retreat teilzunehmen.
Selbstfindung für Frauen bedeutet Rebellion.
Sie ist sozusagen Bewusstseinsarbeit mit feministischer Nebenwirkung.
Sie beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst durch patriarchale Augen zu betrachten.
Was soziale Verbundenheit wirklich bedeutet
Soziale Verbundenheit klingt nach Sonntagsbrunch, Fairtrade-Kaffee und Gemeinschaftssinn.
Aber in Wahrheit beschreibt sie etwas viel Tieferes: Das psychologische Grundbedürfnis nach Zugehörigkeit, Sicherheit und Resonanz.
Sie bedeutet: Ich bin nicht allein. Ich bin Teil von etwas. Ich gehöre dazu.
Klingt banal? Ist es nicht. Denn genau diese Erfahrung legt das Fundament für Identität. Ohne Verbindung keine Selbstdefinition. Ohne Spiegel kein Selbstbild.
Unser Selbstbild formt sich also nicht im luftleeren Raum, sondern im Austausch, in Beziehung, in sozialer Reflexion. Ohne soziale Verbundenheit fehlt uns der Resonanzraum, in dem wir erfahren, wer wir sind.
Und hier wird’s spannend und problematisch zugelich:
Wenn die Gesellschaft, in der wir leben, auf beispielsweise patriarchalen Normen aufbaut, dann ist auch dieser Resonanzraum verzerrt. Dann werden Frauen – subtil oder offensichtlich – auf Rollen, Körper, Verhalten und Nutzen reduziert.
Und wenn du dich selbst in einem System finden willst, das dich schon vorab definiert hat, wird Selbstfindung schnell zur Selbstverhandlung.
Viele Frauen glauben, sie hätten ein Selbstwertproblem.
In Wahrheit haben sie ein gesellschaftliches Bewertungsproblem.
Selbstfindung und Feminismus – ein untrennbares Duo
Feminismus ist übrigens kein Schimpfwort, kein Club, kein ästhetisches Accessoire.
Feminismus ist die kollektive Bewegung, die Frauen das zurückgibt, was ihnen über Jahrtausende abgesprochen wurde:
Das Recht, sich selbst zu definieren. Das Recht auf Gleichwertigkeit. Das Recht aufs Menschsein.
Feminismus hinterfragt, wer die Regeln schreibt, nach denen wir leben – und warum Frauen immer dann „zu laut“, „zu emotional“ oder „zu ehrgeizig“ genannt werden, wenn sie anfangen, sich selbst ernst zu nehmen.
Selbstfindung ist die innere Version davon.
Sie fragt: Welche Stimmen in mir gehören wirklich mir – und welche habe ich nur übernommen, um zu überleben?
Wer bin ich, wenn ich nicht nett sein muss? Wenn ich nicht gefallen will? Wenn ich mich selbst nicht dauernd im Spiegel prüfe, ob ich noch kompatibel bin?
Darum braucht Selbstfindung im weiblichen Kontext einen feministischen Unterton.
Weil du dich sonst nur innerhalb eines Systems wiederfindest, das dich klein hält.
Oder schlimmer: Du hältst dich selbst klein, weil du glaubst, so bist du „richtig“.
Über Privilegien und Perspektiven
Ich schreibe das alles als weiße, heterosexuelle, cis Frau ohne sichtbare Behinderungen.
Das ist wichtig.
Denn meine Selbstfindung ist ein Spaziergang auf einem Feld, das für viele andere eine steile Bergwanderung ist – ohne Schuhe, bei Regen.
Frauen, die mehrfach diskriminiert sind – durch Hautfarbe, Herkunft, Klasse, Behinderung oder Queerness – müssen sich oft nicht nur gegen äußere Strukturen behaupten, sondern gegen die permanente Unsichtbarkeit ihrer eigenen Realität. Und noch mehr, denn: Diese Strukturen bedrohen ihre Existenz im mehrfachen Sinn.
Ihr Selbst ist kein Lifestyle-Projekt, sondern Überlebensarbeit.
Und das muss mitgedacht werden, wenn wir über „Selbstfindung“ reden, sonst bleibt sie priviligiert.
Ich bemühe mich, zuzuhören. Zu lernen. Raum zu geben.
Und hier – auf diesem Blog – möchte ich künftig nicht nur meine Perspektive teilen, sondern auch Stimmen, die anders klingen, weil sie andere Kämpfe führen. Denn Verbundenheit heißt nicht, dass wir alle gleich sind. Sondern dass wir uns gegenseitig halten.
Solltest du sich angesprochen fühlen, schreib mir gerne an moin@zwischenomundomg.de – ich freue mich sehr auf den Austausch mit dir!
Fazit: Selbstfindung als kollektiver Akt
Vielleicht ist das die neue Version von Selbstfindung: nicht das Rückzugsritual ins Ich, sondern die bewusste Rückkehr ins Wir.
Selbstfindung ist kein Selfcare-Trend mit Duftkerzenaroma. Sie ist ein gesellschaftliches Statement: Ich will mich erkennen – und ich will verstehen, was mich geformt hat.
Das ist unbequem, politisch, manchmal sogar wütend. Aber genau das ist eben Wachstum.
Ich werde hier also weiter über Seele, Selbstbild und Schattenarbeit schreiben, aber eben auch über Schönheitsnormen, Rollenbilder, Care-Arbeit und Machtstrukturen. Denn wer sich selbst finden will, muss das System verstehen, in dem er oder sie sich verliert.
Selbstfindung bedeutet nicht, die beste Version von dir zu werden.
Sondern endlich aufzuhören, eine Version zu sein, die irgendwo reinpassen soll.
Denn Selbstfindung beginnt, wenn du dir bewusst machst, dass du dich und die Welt durch fremde Filter betrachtest.
Keep it weird. Keep it wise. Keep it wunderbar.
Zwischen OM und OMG –
Deine Saendy
