Ambiguitätstoleranz – die unterschätzte Fähigkeit für ein entspanntes Leben

Donnerstag. 18:00 Uhr. Seit Tagen Dauerregen, trotz Hochsommers. Irgendwie ein Tag wie jeder andere.

Nach der Arbeit fahre ich ins Fitnessstudio. Ich halte mein Mitgliedsarmband an das Drehkreuz, als würde ich in ein Paralleluniversum einchecken: ein Reich, in dem Männer in sehr engen Tanktops – objektiv betrachtet – so laut stöhnen, dass man sich fragt, ob das hier noch ein Gym ist oder schon ein Naturfilm-Synchronsprecher-Casting für brunftige Jungbullen. Daneben Frauen, die auf dem Laufband Netflix schauen und dabei so tun, als wäre das hier Freizeitgestaltung.

Ich grinse, weil ich weiß: gleich bin ich eine von ihnen.

In der Umkleide empfängt mich der vertraute Duftteppich: süßliches Deo, billiges Desinfektionsmittel, dazu die klebrige Luftfeuchtigkeit eines tropischen Terrariums. Mein Spiegelbild grinst mich an – oder verzieht das Gesicht. Schwer zu sagen bei diesem Licht, das selbst Gisele Bündchen in eine müde Steuerberaterin verwandeln würde. Ich ziehe die Augenbraue hoch, nicke mir zu. Stark und unzulänglich zugleich? Kann ich. Und ja, ich schmunzle.

An der Wasserstation steht vor mir ein Typ, dessen Shaker – dem olfaktorischen Gutachten nach – seit mindestens drei Proteinzyklen keine Spülmaschine gesehen hat.

Vanille-Aroma trifft auf Verwesung.

Ich drehe mich zur Seite, um zu atmen und sehe einen Typen, der gerade ein Selfie von seinem Sixpack macht, während neben ihm eine Frau ihren Eyeliner nachzieht, um ihre Hip Thrusts für TikTok festzuhalten. Darf man hier eigentlich noch einfach schwitzen, ohne es monetarisieren zu müssen? Ich muss lachen. Vor allem aber über mein früheres Ich, das genau solche Clips gemacht hätte. Nur sehr wahrscheinlich schlechter geschnitten.


Apropos Wiedererkennung: Der Sixpack-Selfie-Typ kommt mir bekannt vor. Tinder. Vielleicht sogar ein Match. Sein Profil glich einer menschgewordenen PowerPoint-Präsentation: Bio mit Sinnspruch, Waschbrettbauch, süßer Hund. So optimiert, dass selbst Google Ads daneben wirken wie ein Fingerbild aus der ersten Klasse. Ich frage mich, wann zuletzt jemand mit Zahnlücke und schlechtem Selfie ein Date bekommen hat – und grinse.

Zurück an der Wasserstation dröhnt ein Gespräch zweier Männer in mein Ohr. Alter: irgendwo zwischen Midlife-Crisis und Porsche-Katalog. Einen von ihnen kenne ich – er hat mir letzte Woche einen Frauenparkplatz vor der Nase weggeschnappt. Mit einem SUV. Ich im Smart. Natürlich.

Heute echauffieren sie sich darüber, dass man neuerdings auch „Baustellenleiterinnen“ sagen müsse. Irgendwas mit Frauenquote. Einer raunzt ein „Weiber“ – beide lachen wie Jungs, die heimlich Bier im Heizungskeller saufen. Ich atme tief durch, sage trocken „gendergerechte Sprache“ und drehe mich weg. Das war dann wohl mein Beitrag zum Feminismus zwischen Metallklirren und BCAAs. Dann schnaube ich ein kurzes, trotziges „ha“ – mein Lieblingslachen.

Im Freihantelbereich vibriert mein Handy. Mein Blick fällt aufs Display, und meine Augen leuchten: eine Nachricht von meinem neuen Crush. Ein Mann. Ich gluckse, weil mir in diesem Moment klar wird: Ich liebe Männer. Nur das System Mann halte ich für reparaturbedürftig.

Auf dem Heimweg halte ich im Supermarkt. An der Kasse riecht es nach Feierabend, ausgelaufener Essigessenz und dem letzten Croissant, das seine Existenz traurig im Aufwärmofen aufgibt. Ich schaue in den Korb, lege Bio-Hafermilch und Tiefkühlpizza aufs Band und lache diesmal laut.

Vielleicht ist beides erlaubt – Achtsamkeit und Eskapismus.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt – und zwar sicher

Als Menschen neigen wir dazu, die Welt in Kategorien einzuteilen: Gut oder böse, schwarz oder weiß, Freund oder Feind.

Evolutionär macht das total Sinn – das Gehirn mag es eben simpel. Wer in der Steinzeit zu lange überlegte, ob im Gebüsch ein Säbelzahntiger oder nur ein besonders hässliches Reh lauert, war halt einfach Futter. Heute lauern in unseren Gebüschen weniger Säbelzahntiger, dafür Optimierungswahn und toxische Produktivität. Und plötzlich glauben wir: Entweder perfekt oder ungenügend.

Tschüss, Selbstwert. Hallo Perfektionismus.

Wir leben, als wären wir kleine Start-ups mit Businessplan. Alles muss gemanagt, optimiert, hochskaliert werden – von der Hautpflegeroutine bis zum Datingprofil. Selbst unser Sein fühlt sich manchmal an wie ein Quartalsbericht: zu viele Zahlen, zu wenig Seele. Wir wollen schneller, höher, weiter.

Nur: Wohin eigentlich? Spoiler: Niemand weiß es. Irgendwo hinter Hogwarts, vermute ich.

Das Problem: Auf dem Weg dahin vergessen wir, das Leben zu genießen. Denn Perfektion und menschliche Existenz sind wie Öl und Wasser: Sie tun so, als würden sie zusammenpassen – und trennen sich dann doch bei der erstbesten Gelegenheit.

Dabei sind wir keine Projekte, die optimiert werden müssen. Wir sind keine Pitch-Decks auf zwei Beinen. Und deshalb ist es auch nicht nötig, die Welt ständig in Schwarz-Weiß-Schubladen zu pressen.
 
Vielleicht ist es eher nötig, dass wir lernen, Widersprüche zu lieben.
Dass ein Mensch sowohl großartig als auch eine Zumutung sein darf. Dass Genuss und harte Arbeit koexistieren können. Dass man mittags Tolstoi liest und abends trotzdem Are You The One? schaut, ohne ein intellektuelles Burnout zu bekommen.

Vielleicht müssen wir auch lernen, Unsicherheit auszuhalten. Dass wir nicht sofort wissen müssen, ob die neue Kollegin uns nett findet, wenn sie uns anlächelt oder ob sie heimlich plant, das Büro als Basisstation für ihre Weltmachtübernahme zu nutzen.

Und vielleicht müssen wir schlicht akzeptieren: Marco macht seit 30 Jahren das beste Spaghetti-Eis der Stadt. Punkt. Auch wenn uns der Bikini aus dem letzten Sommerurlaub nicht mehr passt. Vielleicht ist der Ex ein fieser Schurke – und trotzdem darf man die Songs vermissen, die er einem sonntags auf der Gitarre vorgespielt hat.

Willkommen in der Grauzone des echten Lebens.

Ich zum Beispiel:

  • kann überzeugte Feministin sein und Männer lieben. (Ja, gleichzeitig. Nein, das ist kein Widerspruch. Danke fürs Nachfragen.)
  • kann morgens im Gym Gewichte stemmen und nachmittags trotzdem einen Sankt-Sebastian-Cheesecake inhalieren, als wäre er mein einziges Überlebensmittel.
  • kann meinen Job lieben und trotzdem schon im Februar auf den Sommerurlaub zählen wie andere Leute auf ihre Pillenbox.
  • kann von den lauten Kaugeräuschen meiner Freundin genervt sein und sie gleichzeitig nie wieder im Leben missen wollen.

Das Ganze hat auch einen fancy Namen: Ambiguitätstoleranz.

Klingt nach einem Fremdwort, das man in einem Methodenseminar heimlich googelt, während man so tut, als hätte man es schon immer gekannt. Heißt übersetzt: die Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten.

Kurz: Nicht jedes „entweder – oder“ muss entschieden werden. Man darf beides sein. Gleichzeitig. Auch wenn das für den Algorithmus und die Porsche-Fahrer-Fraktion aus dem Fitti erstmal verwirrend klingt.

Nice to know: Ambiguitätstoleranz beschreibt die Fähigkeit, Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und widersprüchliche Informationen auszuhalten und konstruktiv damit umzugehen. Geprägt 1949 von Else Frenkel-Brunswik – vermutlich, weil auch sie irgendwann dachte: „Können wir bitte alle kurz aufhören, so dogmatisch zu sein?“

Wer Ambiguitätstoleranz kann, muss beim ersten Tinder-Date nicht entscheiden, ob das die große Liebe oder nur eine mittelmäßige Pizza ist. Wer Ambiguitätstoleranz kann, darf gleichzeitig „seriöse Erwachsene mit ETF-Sparplan“ und „14-Jährige mit Crush auf Harry Styles“ sein.

Ambiguitätstoleranz macht uns entspannter, menschlicher, weniger hysterisch:

  • Höhere Konfliktfähigkeit, weil man auch mal im Raum bleiben kann, wenn’s nicht nur „richtig oder falsch“ gibt.
  • Weniger Stress durch Schwarz-Weiß-Kopfkino.
  • Mehr Offenheit für Neues (inkl. Menschen, die man vorher unter „kompliziert“ abgeheftet hätte).

Kurz gesagt: Ambiguitätstoleranz ist die Superkraft des 21. Jahrhunderts. Und mal ehrlich: Wollen wir wirklich zu den Leuten gehören, die sich beim Pommes-Bestellen zwischen Ketchup oder Mayo entscheiden – oder zu denen, die sagen: „Pommes Schranke, bitte.“

Und vielleicht sind das auch deine Fragen:

Wie sähe dein Alltag aus, wenn du dir erlaubst, gleichzeitig stark und verletzlich zu sein? Müde und zufrieden? Unperfekt und glücklich?

Wo zwängst du dich gerade in eine Schablone, die dir nicht passt?

An welchen Stellen sortierst du Dinge in Ja-oder-Nein-Boxen, obwohl „Sowohl-als-auch“ viel bequemer wäre?

Fazit:

Am Ende ist es simpel: Im Leben geht es nicht darum, irgendwo anzukommen, sondern den Weg lieben zu lernen.


Und dieser Weg ist nicht gerade, nicht sauber, nicht perfekt optimiert – er ist ein Flickenteppich aus Widersprüchen. Ambiguitätstoleranz hilft, ihn nicht als Chaos, sondern als Kunstwerk zu sehen. Eine Superpower, die uns gelassener macht. Und vielleicht sogar ein kleines bisschen glücklicher.

Keep it weird. Keep it wise. Keep it wunderbar.

Zwischen OM und OMG –
Deine Saendy

P.S.: Beginne direkt damit und bestelle beim nächsten Kinobesuch süßes und salziges Popcorn – gemischt. Thank me later.

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